Ein kläglicher Rest schimmert durch zerfetztes Gedankengut,
ein letzter Keim, der als Relikt einer vergessenen Zivilisation
namens Freiheit vegetiert.
Du siehst, was ich sehe und doch scheinst Du nicht zu fühlen was ich fühle.
Du siehst was ich esse, Du siehst, wo bin. Du siehst mit wem ich telefoniere, Du siehst neben wem ich einschlafe. Du kennst meine Träume Du kennst meine Ängste.
Ab wann hab ich begonnen mich nicht mehr um mich selbst zu drehen sondern mit Dir.
Meine Gedanken konnten einst sich frei entfalten, immer mit dem Gefühl der Hilflosigkeit zwar verbunden, mit der romantischen Vorstellung, der letzte zivilisierte Mensch zu sein, doch nie mit dem Gefühl, in Ketten zu liegen.
Keine Ketten die man sieht, keine die man spürt, wenn sie einem angelegt werden. Sie werden eng angelegt, so dass sie sich mit meinem Fleisch zu verbinden scheinen. Sie sind so sehr ein Teil von mir, das ich sie mitunter vergesse.
Dann träume ich nachts. Ich träume davon wie es war, diesem Ärger, diesem Frust und der Wut freien Lauf lassen zu können, Worte auszusprechen die jeder Vernunft widersprechen, wie es nur die Wut und die Ohnmacht vermag.
Dann wache ich auf. Mein RFID-Wecker in meinem Oberarm kribbelt, das Ipod-Implantat beginnt Beethovens Mondscheinsonate direkt in meinem Gehörgang anklingen zu lassen.
Mein Kühlschrank sagt mir, dass die Milch knapp wird und bestellt automatisch neue.
Das Geld wird von meinem Konto abgebucht. Ich erinnere mich nicht mehr.
Ich weiss nicht wer ich bin, wenn ich es nicht von dir gesagt bekomme, also sagst Du es mir:
Ich bin die Hülle eines Menschen und nicht mehr der Mensch selbst. Ich lebe um zu existieren, doch nicht für mich sondern für Dich. Die einzige Liebe die ich empfinde ist die Liebe zu Dir, denn Du gibst mir Sicherheit... Sicherheit, dass die Milch auch pünktlich heute Nachmittag da ist, ohne von islamistischen Terroristen abgefangen zu werden, wie die letzten Male, bevor die Sicherheitsgesetze verschärft wurden.
Ein kläglicher Rest schimmert durch zerfetztes Gedankengut,
ein letzter Keim, der als Relikt einer vergessenen Zivilisation
namens Freiheit vegetiert.
Du siehst, was ich sehe und doch scheinst Du nicht zu fühlen was ich fühle.
Ich erinnere mich. Wenn der Traum noch nicht ganz erloschen ist... nach dem Essen und Trinken werde ich so vergesslich. Manchmal im Stillen für mich ganz alleine frage ich mich, ob das an den Inhaltsstoffen liegt, ich dachte schon darüber nach, mich zu informieren, doch das schien mir zu gefährlich. Ich bin ein Gedankenverbrecher. Aspartam, Aspertam... was war das noch einmal? Aspera? Per aspera ad astra?
Bei der Arbeit sehe ich die gleichen leeren Blicke, die selben grauen Anzüge, dieselbe Kälte die mich jeden Morgen im Spiegel zu töten scheint. Das Leben ist nichts weiter als ein sehr langsames Sterben. Sie scheinen es zu wissen, aber Du gibst uns zu verstehen dass wir nicht wissen dürfen was wir wissen wollen. Wir dürfen nichts wollen. Das Wollen ist der Vorbote des Nehmens.
Ich erinnere mich. Kinder. Wo sind sie? Ich sehe keine Kinder. Sie werden gut gehütet von Dir. Ich erinnere mich. Freiheit. Das Wort klingt so fremd wenn ich es mir im Geiste sage, denn laut auszusprechen wage ich es nicht. Ich bin ein Gedankenverbrecher. Die Kopfschmerzen setzen wieder ein. Warum bin ich hier? Warum kann ich nicht aufhören, Fragen zu stellen, wo ich doch weiß wie sehr sie mich in Gefahr bringen? Du kannst sehen, wie mir die Worte auf den Lippen liegen, sie sind bedrohlich für Dich wie eine geladene und entsicherte Waffe, jeden Moment dazu bereit, die Welt aus ihren Ketten zu heben.
Mein Puls steigt, meine Hände zittern, es überkommt mich der Impuls, wütend zu werden, es überkommt mich der Impuls, menschliches Leben in Frage zu stellen, dann – endlich – setzt das Valium ein, dass über das Rückenmarkimplantat automatisch bei solchen Gefühlen ausgeschüttet wird. Es soll uns daran hindern, einen Kurzschluss zu bekommen. Denn ein Kurzschluss könnte das System zum Zusammenbruch bringen.
Ein kläglicher Rest schimmert durch zerfetztes Gedankengut,
ein letzter Keim, der als Relikt einer vergessenen Zivilisation
namens Freiheit vegetiert.
Du siehst, was ich sehe und doch scheinst Du nicht zu fühlen was ich fühle.
Ich hasse dich. Und Du brauchst mich. Ich habe keine Angst. Ich habe nichts mehr zu verlieren... aber Du.
dante2000
Beeindruckend. Und beängstigend. Das sind die ersten Worte, die mir zu deinem Text einfielen.
Information und Desinformation scheinen sich zu überschneiden, und wenn wir anfangen, alles hinzunehmen, wie es einem vorgekaut wird, werden wir wirklich so enden.
Leute! lernt zu DENKEN!
-Dante